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2.12.17 Winterbehandlung

Assistentin? Begleiterin? Freundin? – egal. Die Bibel hat schon recht in einem ihrer ersten Sätze, dass es ist nicht gut ist, dass der Mensch allein sei. Damit möchte ich nicht sagen, dass C.S’s Anwesenheit etwas mit dem lieben Gott zu tun hatte. Doch ihre Gegenwart an diesem kalten Morgen bestätigte die jahrtausendealte Wahrheit einmal mehr. Auch wenn es nur um einen stressinduzierten Eingriff in ein Bienenvolk geht, der jetzt anstand.

Mein Herz schlug höher und der Puls beschleunigte sich, als ich mit dem Stockmeisel versuchte, die obere Zarge von der unteren zu trennen. Wie werde ich die Bienen vorfinden, leben sie überhaupt noch und wenn ja, sind sie stark genug, um die restlichen Wintermonate zu überstehen?

Es bedurfte mehrerer Anläufe, bis ich die obere Zarge anheben konnte. Um sich vor Kälte, aber auch vor Krankheitskeimen zu schützen, dichten die Bienen alle Ritzen mit dem von ihnen produzierten Kittharz ab. Sie und ich kennen es unter dem Namen Propolis.

Mit der linken Hand hob ich jetzt die Zarge vorsichtig an. Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Die herumwuselnden Bienen bildeten eine starke Wintertraube, die sich über 6 – 7 Wabengassen erstreckte. Doch die Traube hatte ich auseinandergerissen; sie reichte bis in die obere Zarge. Plötzlich umschwirrten mich 10 – 20 Bienen. Trotz der Temperaturen um den Gefrierpunkt. Jetzt schnell die vorbereitete, warmgehaltene Oxalsäure über die einzelnen Wabengasse träufeln. C.S. reichte mir wortlos die Flasche. Ich kam mir vor wie ein Arzt bei einer Operation.

Doch ein anderer Gedanke schob sich in den Vordergrund. Ich kam mir vor wie ein Vater, der seinem schlafenden Kind die Bettdecke wegzieht, um ihm irgendein lauwarmes Zeug über’s Gesicht zu spritzen; geht nicht anders, hatte der Arzt bei seiner Verordnung gesagt. Aber die Erklärung konnte das elende Gefühl nicht beseitigen und das schlechte Gewissen nicht beruhigen. Den Bienen sagte ich in Gedanken: Es ist nur zu eurem besten, gleich seid ihre eure Milben los. Aber das miese Gefühl blieb.

Schnell die Zargen wieder zusammenschieben. Doch ein paar Bienen, hatten den Anschluß verpasst und flogen nun in der Kälte herum. Lange werden sie’s nicht machen, dachte ich. Geh nicht anders, murmelte ich. Doch C.S. packte ein, zwei von ihnen(„hoffentlich stechen Sie mich nicht“) und schob sie vor’s rettende Flugloch. Bienenliebe hat viele Gesichter. Hier konnte ich in ein besonders sympathisches blicken.

Insgesamt behandelte ich in den letzten Tagen über 20 Völker. Jedes reagierte anders. Die einen aggressiv, anderen schien es egal zu sein und einige ließen es lethargisch über sich ergehen. Ein paar Stiche bekam ich auch ab. Mir wurde klar, dass jedes Bienenvolk – genauer ausgedrückt: jeder Bien – einen unverwechselbaren Charakter besitzt. Ein Grund mehr, ihnen mit Respekt und Zuneigung zu begegnen.