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27.9.20 Martin gibt's

»Dies Jahr gibt‘s kein Martin«. Die fröhliche junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn hatte es eilig; sie zeigte auf das Auto in der Einfahrt, in dem ihr Jüngstes warten würde. Sie wolle nur schnell ein Glas Honig für ihren Mann kaufen.

Schon in der Türe stehend sagte sie jenen Satz. Da schaute sie plötzlich ernst und traurig. Jahr für Jahr, erinnerte ich mich in dem Moment, trafen sich Kindern und Eltern nach Mantelteilung und Umzug vor unserem Haus. Vorne die singenden Kleinen mit ihren selbst gebastelten Laternen. Etwas weiter hinten die Eltern, die geduldig auf ihren Honigschnaps warteten. Unter der Tür gribschte, auch unter Einsatz des einen oder anderen Ellenbogens, der Nachwuchs.

Das alles sollte einem Virus geopfert werden? Natürlich gibt‘s Martin auch in diesem Jahr, erwiderte ich spontan. Nicht an irgendeinem Tag Anfang November, weil dann gerade eine Blaskapelle zur Verfügung steht, sondern nach alter Väter Sitte genau am Gedenktag des Heiligen selbst. Also am 11. November.

Das Gesicht der jungen Mutter hellte sich wieder auf. Sie schien keine Sekunde an meinem Wort zu zweifeln und eilte zu ihrem Jüngsten. Was ich nicht mehr sagen konnte: Gegribscht wird ohne Einsatz von Ellenbogen unter Beachtung des Mindestabstandes.

Mich, den Martin, gibt es ja auch noch, schoss es mir anschließend durch den Kopf. So selbstverständlich empfinde ich das nach zwei Operationen im Sommer gar nicht. Die Arbeiten an den Bienen konnte ich in den letzten Monaten gerade noch bewältigen. Doch zu irgendwelchen Blogeinträgen reichte es nicht. St. Martin schaffte jetzt die Wende.
So stelle ich mir den Martins – Abend am 11. November vor: Sie kommen etwa zwischen 19:00 und 20:00 Uhr in die Rottfeldstraße 11. Bis dahin ist Zeit genug, mit den Kindern die alten Martins-Lieder zu üben bzw. neue zu lernen. Vielleicht auch auf dem Hintergrund der in diesem Jahr abgesagten Mantelteilung ein Gedicht von Ilse Aichinger? Es ist überschrieben mit

Nachruf

Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel
und laß dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen.

Auf jeden Fall freue ich mich auf den herzerwärmenden Anblick der selbst gebastelten Laternen.

Damit beim Gribschen niemand enttäuscht wird, bitte ich allerdings um eine kurze Meldung per E-Mail unter krolzig@terroirhonig.de mit wie viel Kindern ich zu rechnen habe.

Anfügen möchte ich noch, dass ich mich inzwischen im Internet über die unterschiedlichen Martins-Bräuche informiert habe. Da stand auch etwas von einem Martinsfeuer. Ganz klar, dass in unserer Einfahrt eins brennen wird.