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2.1.18 Heilige Handlung

Sie wolle Honig kaufen. Ihre weit geöffneten Augen schauten mich in einer Mischung von Offenheit und Vertrauen an. Zum ersten mal kam mir meine übliche Antwort beginnend mit dem üblichen „leider“ geschmacklos vor. Leider kann ich keinen Honig verkaufen; er ist – wieder kam mir jenes phrasenhafte „leider“ über die Lippen – ausverkauft. Bei der Begrüßung hatte sie ihren Namen genannt, den ich nicht genau verstanden hatte und deshalb noch einmal nachfragen mußte, was ich gerne vermieden hätte.

Ich spürte schmerzhaft, dass ich die schlanke, hoch gewachsene Dame enttäuschte, und hätte doch so viel dafür gegeben, um genau das zu vermeiden. In dem Moment, da ich „Dame“ schreibe wird mir bewußt, dass der Begriff sie ziemlich genau beschreibt; ein bloßes „Frau“ würde ihre geheimnisvolle Aura verfehlen. „Eigentlich interessiere ich mich für Bienen und habe schon einiges darüber in Ihrer Webseite gelesen“.

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich legte mich kräftig ins Zeug und erzählte allerlei von den geheimnisvollen Bienen. „Ich habe das Gefühl, Sie wären eine gute Imkerin“. Sie lächelte und ich erzählte so ermutigt weiter. Natürlich auch, wie sie zu einem Bienenvolk kommen könne.

Da entdeckte sie die Propolisfläschchen in dem Körbchen. Meine Frage, ob sie Propolis kennen würde, verneinte sie, obwohl ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher bin, ob das auch stimmte. Jedenfalls hielt ich ihr meinen Kurzvortrag, der, dass wurde mir jetzt bewußt, zu ausholend daherkommt. Natürlich bot ich auch die übliche Kostprobe an, nahm nach ihrer Zustimmung etwas Honig auf die Spitze eines Esslöffels und zählte 20 Tropfen ab. Gespannt schaute ich auf ihre Augen, weil ich, inzwischen mutiger geworden, sehen wollte, wie sich der 95prozentige Alkohol in ihnen widerspiegelte.

Dann schaute sie auf meine diversen Bienenwachskerzen. Sie strahlte, als leuchtete eine Erinnerung in ihr auf. Sie berichtete, wie sie früher mit ihren Kindern solche Kerzen zog. Von der Technik hatte ich schon früher gelesen, sie aber nicht ausprobiert. „Wir gingen langsam um den Tisch tauchten den beschwerten Docht in das Wachs, zogen ihn heraus, dann war der nächste dran“. Sie imitierte die langsamen Bewegungen. „So ging es immer weiter, bis die Kerze ihre Form gefunden hatte“.

„Es war eine heilige Handlung“. Da sie mir schon erzählt hatte, dass sie der anthroposophischen Schule besonders verbunden sei, konnte ich den Begriff einordnen. In dem Moment überwand er die Barriere meiner Skepsis. Ich schlug ihr vor, dass wir beide etwa im kommenden November Kinder zum Kerzenziehen einladen sollten.

Heilige Handlungen. Etwas so tun, dass es aus dem üblichen Einerlei gedankenloser Tätigkeiten herausgenommen ist. Vom E-Mail schreiben über Suppe kochen bis zum Kinder ins Bett bringen am Abend. Das alles gewinnt womöglich erst seine wahre Gestalt, wenn es als eine Heilige Handlung wieder und wieder eingeübt wird. Wie jene gezogenen Kerzen, die immer wieder ins flüssige Bienenwachs getaucht werden müssen, um so ihre endgültige Gestalt zu gewinnen. Und dann nur noch auf den Moment warten, in dem sie angezündet ihr warmes Licht verströmen und dabei die Geschichte ihrer Entstehung erzählen.