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3.12.16 Erschreckend: Neue Qualität

Das nebenstehende Bild mit den Eiskristallen im Sonnenschein mag schön aussehen. Für mich ist es bedrückend. Nur noch eine kurze Erinnerung an die blaue Sommer-Blüte, die Sie mit Bienen und Hummeln in der Fotogalerie sehen können. Aus, vorbei. Meine Frau wollte schon längst, dass ich die Überbleibsel mit den Samenständen abgeschnitten hätte; in ihren Augen sehen sie häßlich aus. Ich dagegen hoffte noch immer auf das Erscheinen der Stieglitze, mancherorts auch Diestelfinken genannt. Doch vergeblich. In den letzten Jahren holten sie sich regelmäßig den Samen. Nun also nicht mehr.

Unter den Gesetzen der Dialektik gibt es eins mit der Überschrift „Umschlag von Quantität ind Qualität“. Die Richtigkeit des Gesetzes erweist sich nicht nur angesichts der ausgebliebenen Stieglitze. Die Amseln sind durch eine Krankheit minimiert und auch die Meisen gibt es nur noch in wenigen Exemplaren. In den vergangenen Jahren stritten sie sich noch in großer Zahl um die heruntergefallenen Walnüsse. Die Futterstellen mit Sonnenblumenkerne mußten in früheren Jahren spätestens alle zwei Tage aufgefüllt werden. 2016 sind sie noch nach einer Woche halbvoll. Auf Buntspechte, die zu den regelmäßigen Besuchern zählten, wartete ich in den vergangenen ebenfalls vergeblich.

Im Frühjahr blieben die Singdrosseln zum ersten Mal aus. Bachstelzen werden nicht einmal mehr vermißt. Die Spatzen, früher einmal eine Plage, sind schon lange verschwunden. Vor ein paar Jahren gab es auf den umliegenden Feldern noch Treibjagden. Jetzt sieht man keinen Hasen mehr.

Auch die Insekten sind dezimiert. Noch vor ein paar Jahren mußte man eine Autofahrt immer wieder unterbrechen, um die Windschutzscheibe zu säubern. Heute sucht man die Spezialschwämme an den Tankstellen vergeblich. Es gibt ja auch nichts mehr abzukratzen.

Für all die Beobachtungen mag es im Einzelnen halbwegs plausible Erklärungen geben. Das bedrückende für mich ist aber die neue Qualität der Verarmung in der Welt um mich herum. Regulierte und verdreckte Flüsse hat man ja schon erfolgreich in ihren alten Zustand zurückversetzt. Das war ein Kinderspiel gegenüber der Aufgabe, Vögel, Hasen und Insekten ihren alten Lebensraum wiederzugeben. Ich werde es nicht mehr erleben und meine Enkel auch nicht. Bedrückend auch deshalb, weil jenes metastasentreibende „Weiter so“ noch nicht einmal als das Grundübel erkannt wurde.

Zigarettenpackungen müssen inzwischen mit drastischen Warnhinweisen versehen sein. Doch an den alles versiegelnden Beton- und Asphaltmaschinen findet man nichts dergleichen. Wie auch, immerhin sichern die Arbeitsplätze, oder? Nach uns die Sintflut heißt es. Irrtum: Die lauert vorne irgendwo am Horizont auf uns. Im Landhandel und in den Baumärkten Säcke mit Kunstdünger, Flaschen mit Pestiziden, Herbiziden und Insektiziden, die nach einer Schamfrist frei an jedermann verkäuflich sind. Der gänseblümchenfreie Rasen vor oder hinter dem Haus wird garantiert. Kaum einer, der den zum Kotzen findet. In den Supermärkten Plastikverpackungen aller Art, die wir nach Hause tragen und dort in der gelben Tonne „entsorgen“. Wir belügen uns damit selbst, wissen es auch genau – und machen doch „weiter so“.

Auf den Strümper Äckern verklappt man Gülle und der tonnenweise mit Antibiotika kontaminierte Kot der massenhaft gehaltenen Hühner wird untergepflügt. Beileibe nicht in aller Heimlichkeit, sondern vor aller Augen. Wie bei der Kreuzigung auf Golgatha: Alle schauen zu, gehen vorbei, mehr oder weniger schulterzuckend, murmeln folgenlose Halbsätze wie „kann man nichts machen“. Ich mitten unter ihnen, halte mir beim Joggen auch schon mal die Nase zu, wenn der Gestank zu arg wird.

Die Angst um meine Bienen macht mich fröstelnd.